@Red: Aus dem Stader Tageblatt:
Die Sonderlinge nehmen Stuttgart ein
Bundesliga-Tippspielsieger sehen den 3:1-Sieg des VfB über FC Bayern München – Stimmungskanonen unter Artenschutz
Kreis Stade/Stuttgart. (jb). Die Ansage glich mehr einem Befehl als einem Wunsch, wenn auch spaßig gemeint: Es herrsche natürlich Trikotpflicht, teilte Hartmut Killat, Sieger des vergangenen Bundesliga-Tippspiels von der Sparkasse Stade-Altes Land, dem Modehaus Mohr und vom TAGEBLATT, seinen elf auserwählten Begleitern mit. Schließlich stand die gewonnene Reise nach Stuttgart zum Fußballspiel VfB Stuttgart gegen FC Bayern München an. Eine solche Mitteilung ist für die Herren natürlich eine Selbstverständlichkeit, die Ehefrauen sollten sich angesprochen fühlen. Und weil sich die Damen gern mal zieren, folgte der bestimmende Nebensatz, dass ein Bikinioberteil zu tragen sei, wenn das Trikot fehle.
Anja Rust besorgte sich daraufhin ein Trikot des 1. FC Köln und streifte dies nur unter großen Bedenken über. Der Fußball-Fan an sich neige ja auch mal zur Aggressivität. Ihre Sorgen sollten sich schon deshalb als unangebracht erweisen, weil die übergestreiften Trikots, ob von Bayern, der Nationalmannschaft oder von St. Pauli, letztlich sowieso unter dicken Jacken versteckt wurden.
Nur Nils Lüchau trotzte der Kälte. Schließlich war in Stuttgart nichts anderes als bestes „Hamburger Wetter“, was der Trupp aus dem hohen Kehdinger Norden gesanglich auch allen Fans, ob Schwaben oder Bayern, lautstark mitteilte. Außerdem sind St.Pauli-Fans stolze Stimmungskanonen und schießen ihre Parolen auch in fremden Fußballstadien ab. Ein St.Pauli-Fan wie Nils steht sowieso unter Artenschutz und avancierte beim Südgipfel zur Attraktion. Ob in der S-Bahn oder im Stadion, ob vor oder nach dem Spiel – wenn er seine Pauli-Fan-Songs anstimmte, verbrüderten sich alle VfB- wie FC-Fans mit ihm, verblüfft über die Anwesenheit dieses „Sonderlings“. „Gut, dass Nils dabei ist“, stellte Hartmut auf der Rückfahrt zum Hotel fest, als Nils einmal mehr mit zwei Stuttgart-Fans den ganzen S-Bahn-Waggon unterhielt. „Ohne ihn hätten wir jedenfalls keine feindliche Kontaktaufnahme gehabt“, sagte Peter Ahlf, der Bayern-Fan, und seine Frau Kristina lachte. Ihr Fazit am nächsten Tag: „Wir hatten viel zu lachen.“ Sie meinte die amüsierten Ehefrauen.
Die Reise hatte schon Sonnabend früh begonnen, sehr früh. Um 5.31 Uhr fuhr der Zug in Harburg ab. Dank der Frauen bekamen die Männer auch geschmierte Brötchen in den Magen und nicht nur Flüssig-Brot. „Halb zehn in Deutschland...“, scherzte Harm Steenwarber und öffnete mit einem Zisch ein weiteres Dosenbier. So eine Fußball-Reise ist halt feucht-fröhlich. Der Fröhlichste drohte dem Feuchten nach etwa 14 Stunden zum Opfer zu fallen: Nach einer einstündigen Ruhepause im Hotel sollte es in „Sophies Brauhaus“, das Andreas Killat von seinen Arbeitskollegen empfohlen worden war, gehen. Nils schien eingeschlafen zu sein, reagierte nicht auf den Anruf aus der Rezeption. Sollte er schlafen. Zur Freude und Überraschung aller, tauchte er wenig später doch noch im Lokal auf. Er habe einfach nach einem „Brauhaus mit Frauenname“ gesucht.
Die Nacht war kurz, doch das Fußball-Wochenende fing zumindest für Nils erst richtig an. Trotz Verspätung des Zuges zog es ihn noch zum Pauli-Heimspiel. 60 Minuten verpasst, beide Tore nicht gesehen, egal, er konnte einen Sieg feiern und von komischen Fans im Süden berichten.
Artikel erschienen am: 13.11.2007